Mark Mühlbacher Mark Mühlbacher

Einblick in das Pathologische Horten

Was ist Pathologisches Horten?

Pathologisches Horten ist eine psychische Erkrankung. Menschen mit dieser Erkrankung haben große Schwierigkeiten, sich von ihren Besitztümern zu trennen – selbst dann, wenn diese kaum oder keinen materiellen Wert haben.¹ ² Das Wegwerfen löst häufig starke Gefühle wie Angst, Unsicherheit oder Traurigkeit aus. Deshalb werden Gegenstände über viele Jahre hinweg aufbewahrt und immer neue Dinge kommen hinzu.²

Mit der Zeit füllen sich Schränke, Regale und schließlich ganze Räume. Die Wohnung verliert nach und nach ihre eigentliche Funktion. Küchen können nicht mehr zum Kochen genutzt werden, Betten sind mit Gegenständen belegt oder Flure werden unpassierbar. Dadurch entstehen erhebliche Einschränkungen im Alltag.²

Lange wurde pathologisches Horten als Form der Zwangsstörung angesehen. Inzwischen gilt es aufgrund umfangreicher wissenschaftlicher Erkenntnisse als eigenständige psychische Erkrankung. Aus diesem Grund wurde die Diagnose 2013 in das DSM-5 und später auch in die ICD-11 aufgenommen.³ ⁴

Wie häufig kommt pathologisches Horten vor?

Schätzungen gehen davon aus, dass etwa zwei bis drei Prozent der erwachsenen Bevölkerung betroffen sind.⁵ Damit gehört pathologisches Horten zu den häufigeren psychischen Erkrankungen. Eine deutsche Bevölkerungsstudie fand sogar eine etwas höhere Häufigkeit.⁶

Die Erkrankung beginnt meist schleichend. Erste Anzeichen zeigen sich häufig bereits im Jugendalter.⁷ Die eigentlichen Probleme entwickeln sich jedoch oft über viele Jahre. Deshalb suchen viele Betroffene erst im mittleren oder höheren Erwachsenenalter professionelle Hilfe. Scham, Angst vor Ablehnung und eine oft nur geringe Krankheitseinsicht tragen zusätzlich dazu bei, dass die Erkrankung lange unentdeckt bleibt.² ⁸

Wie entsteht die Erkrankung?

Nach heutigem Wissen gibt es keine einzelne Ursache. Vielmehr entsteht pathologisches Horten durch das Zusammenwirken verschiedener biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren.¹¹

Studien zeigen, dass eine genetische Veranlagung eine Rolle spielt.¹² Gleichzeitig konnten Veränderungen in Hirnregionen nachgewiesen werden, die für Entscheidungen, Aufmerksamkeit und die emotionale Bewertung von Gegenständen wichtig sind.¹³ Dadurch fällt es vielen Betroffenen schwer, zu entscheiden, was behalten und was entsorgt werden kann.

Auch persönliche Erfahrungen können die Entwicklung der Erkrankung beeinflussen. Belastende Lebensereignisse, Verluste oder schwierige Erfahrungen in der Kindheit werden bei Betroffenen häufiger beschrieben als in der Allgemeinbevölkerung.¹⁴ Diese Faktoren allein verursachen jedoch kein pathologisches Horten, sondern erhöhen lediglich die Anfälligkeit für die Erkrankung.

Hinzu kommt, dass viele Betroffene eine besonders enge emotionale Beziehung zu ihren Besitztümern entwickeln. Gegenstände werden nicht nur als nützlich angesehen, sondern erinnern an wichtige Lebensereignisse, vermitteln Sicherheit oder werden als Teil der eigenen Identität erlebt.¹⁵ Dadurch fühlt sich das Wegwerfen häufig wie ein persönlicher Verlust an.

Welche Symptome treten auf?

Das wichtigste Merkmal ist die dauerhafte Schwierigkeit, Dinge wegzuwerfen.² Betroffene möchten Gegenstände häufig für einen späteren Zeitpunkt aufbewahren, weil sie diese möglicherweise noch gebrauchen könnten oder weil sie einen persönlichen Wert besitzen. Selbst alltägliche Entscheidungen über einzelne Gegenstände können deshalb sehr belastend sein.

Viele Menschen mit pathologischem Horten sammeln außerdem ständig neue Dinge. Manche kaufen übermäßig ein, andere nehmen kostenlose Gegenstände mit oder können Angebote nur schwer ablehnen. Dadurch wächst die Menge der Besitztümer immer weiter und bereits freigeräumte Bereiche füllen sich oft innerhalb kurzer Zeit erneut.¹⁶

Im Gegensatz zu gewöhnlicher Unordnung steht beim pathologischen Horten nicht mangelnde Organisation im Vordergrund, sondern die große emotionale Belastung, die mit dem Wegwerfen verbunden ist. Gerade diese emotionale Bindung unterscheidet die Erkrankung von einem unordentlichen Lebensstil.

Welche Folgen hat pathologisches Horten?

Die Erkrankung betrifft weit mehr als nur die Wohnung. Durch die zunehmende Ansammlung von Gegenständen können Hygieneprobleme entstehen, Fluchtwege blockiert werden und das Risiko für Brände oder Stürze steigen.²

Ebenso belastend sind die sozialen Folgen. Viele Betroffene schämen sich für ihre Wohnsituation und vermeiden deshalb Besuche oder ziehen sich vollständig zurück. Konflikte mit Angehörigen, Nachbarn oder Vermietern nehmen häufig zu und können bis zum Verlust der Wohnung führen.⁸

Hinzu kommt, dass Menschen mit pathologischem Horten häufiger unter Depressionen, Angststörungen oder anderen psychischen Erkrankungen leiden. Neuere Studien zeigen außerdem ein erhöhtes Risiko für Suizidgedanken und Suizidversuche.⁹

Wie wird die Diagnose gestellt?

Die Diagnose wird durch Fachärztinnen und Fachärzte oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gestellt. Grundlage sind ausführliche Gespräche sowie die Beurteilung der Wohnsituation und der Auswirkungen auf den Alltag. Entscheidend ist nicht die Menge der Gegenstände allein, sondern ob das Horten zu erheblichen Einschränkungen führt und nicht besser durch eine andere Erkrankung erklärt werden kann.³ ⁴

Wie wird pathologisches Horten behandelt?

Die wirksamste Behandlung ist eine speziell angepasste kognitive Verhaltenstherapie.² Ziel ist es, Schritt für Schritt den Umgang mit den eigenen Besitztümern zu verändern. Betroffene lernen, Entscheidungen leichter zu treffen, Gegenstände auszusortieren und dem Drang, ständig neue Dinge anzuschaffen, besser zu widerstehen.

Ein wichtiger Teil der Therapie findet häufig direkt in der Wohnung statt. Dort können neue Strategien unmittelbar im Alltag eingeübt werden. Veränderungen brauchen Zeit. Kleine, regelmäßige Fortschritte sind meist erfolgreicher als große Entrümpelungsaktionen innerhalb kurzer Zeit.

Medikamente können sinnvoll sein, wenn zusätzlich andere psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen bestehen. Für das pathologische Horten selbst gibt es bisher jedoch keine medikamentöse Standardbehandlung mit gesicherter Wirksamkeit.²

Was können Angehörige tun?

Für Angehörige ist das Zusammenleben häufig belastend. Trotzdem führen Druck, Vorwürfe oder heimliches Wegwerfen von Gegenständen meist nicht zum Erfolg. Im Gegenteil: Sie können das Vertrauen zerstören und die Erkrankung verschlimmern.

Hilfreicher sind Geduld, Verständnis und eine gemeinsame, realistische Zielsetzung. Professionelle Unterstützung kann sowohl Betroffenen als auch Angehörigen helfen, mit der Situation besser umzugehen und langfristige Veränderungen zu erreichen.

Literatur

  1. Mataix-Cols D, et al. Hoarding disorder: a new diagnosis for DSM-V? 2010.

  2. Pertusa A, et al. Refining the diagnostic boundaries of compulsive hoarding. 2010.

  3. American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5). 2013.

  4. World Health Organization. International Classification of Diseases 11th Revision (ICD-11). 2019.

  5. Postlethwaite A, et al. Prevalence of Hoarding Disorder. 2019.

  6. Mueller A, et al. The prevalence of compulsive hoarding in a German population-based sample. 2009.

  7. Zaboski BA, et al. Hoarding: A meta-analysis of age of onset. 2019.

  8. Tolin DF, et al. The economic and social burden of compulsive hoarding. 2008.

  9. Gil-Hernández D, et al. Suicidal thoughts and behaviors in adults with hoarding disorder. 2025.

  10. Nordsletten AE, et al. Epidemiology of hoarding disorder. 2013.

  11. Tolin DF. Toward a biopsychosocial model of hoarding disorder. 2023.

  12. Strom NI, et al. Meta-analysis of genome-wide association studies of hoarding symptoms. 2022.

  13. Tolin DF, et al. Changes in neural activity following cognitive behavioral therapy for hoarding disorder. 2023.

  14. Chia K, et al. Interpersonal attachment, early family environment and trauma in hoarding. 2021.

  15. Smith A, et al. Beliefs about possessions associated with Hoarding Disorder. 2026.

  16. Frost RO, Steketee G, Tolin DF. Comorbidity in Hoarding Disorder. 2015.

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